Gottesdienst nach dem Anschlag auf den CSD

Gottesdienst nach dem Anschlag auf den CSD

Gottesdienst nach dem Anschlag auf den CSD

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Gottesdienst nach dem Anschlag auf den CSD

Beim Gottesdienst anlässlich des Anschlags auf den CSD gab es Redebeiträge von Bischof Christian Stäblein, Rabbiner Lior Bar Ami und Seyran Ateş. Hier können Sie diese nachlesen. Es gilt das gesprochene Wort 

Bischof Christian Stäblein: „Die Vielfalt lebt im Herzen Gottes.“ 
Liebe Geschwister, sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Anwesende, 
als Erstes will ich sagen: Mein Herz und meine Gedanken sind ganz bei den Betroffenen. Den Opfern. Den Angehörigen mit ihren Freundinnen und Freunden. Ich war vorhin an der Stelle, wo der Anschlag verübt wurde, und habe es gespürt, dieses Aufeinanderprallen von friedlichem Miteinander und Gewalt. Diese Gewalt, die so schwer fassbar ist und nur Zerstörung schafft. Wir bitten und beten für die, die um ihr Leben ringen, die auf Linderung und Genesung hoffen, wir bitten und beten für die, die um den geliebten Menschen trauern. Gott ist ein Gott, der als Erstes jetzt da ist: bei den Betroffenen von Gewalt und Hass. Gott verheißt – so schwer das heute ist darauf zu vertrauen – dass er Gewalt und Hass von uns nehmen wird, ihnen ein Ende setzen wird. Und seine Nähe schenken. Um diese Nähe bitten wir. 

Drei Gedanken – in aller Kürze – über diese Anteilnahme hinaus: 

Queeres Leben und Lieben wohnt im Herzen dieser Stadt. Das lassen wir uns Bürgerinnen und Bürger, als Christinnen und Nicht-Christen, gläubig oder säkular, nicht nehmen. Das Herz dieser Stadt ist Freiheit. Ist Vielfalt. Ist Achtung. Was immer der Täter wollte, er wird es nicht erreichen. Unser Herz lassen wir uns nicht nehmen. Unser Herz werden wir schützen. 

Ein Dank deshalb auch an alle Verantwortlichen, Polizei, Feuerwehr, Notrettung, Ärztinnen und Ärzte, Sicherheit, Pflegende, Seelsorgende – Danke, dass Ihr da ward und da seid. Gottes Kraft sei mit Euch. 

Ein Zweites: Die Vielfalt lebt im Herzen Gottes. Und der die Liebe ist. Vielfalt und Freiheit wachsen daraus hervor. Aus Gottes Herz. Wer von Religion oder über Religion etwas anderes behauptet, ja, wer Gewalt im Namen der Religion ausübt, lästert Gott, kennt Gottes Herz nicht und ist blind. Ich sage das in aller Deutlichkeit und ich danke den Geschwistern im Glauben, ich danke allen Gott Liebenden, die heute hier sind, dass wir da deutlich zusammenstehen, dass auch die muslimischen Freundinnen und Freunde hier deutlich mit uns stehen und den Anschlag aufs Schärfste verurteilen. Im Herzen Gottes lebt die Vielfalt. Weil Gott Liebe ist. 

Ein Drittes: Es ist nur ein Herz, das unsere Gesellschaft hat. Es gibt kein ‚die Queeren‘ und ‚die Anderen‘ oder umgekehrt. Wir sind gemeinsam diese Vielfalt. Das ist das Herz dieser Gesellschaft. 

Gott, so steht es beim Propheten Jeremia, verheißt, dass er uns ein neues Herz schenkt, eines aus Fleisch, und das aus Stein wegnimmt. Wir versteinern nicht. Wir sind deutlich und klar – dort, wo wir Grenzen ziehen als Gesellschaft, aber vor allem im Vertrauen und Hoffnung und im Miteinander. Liebe Gemeinde an diesem Wochenende, es bleibt so viel Unsagbares für unser Herz, viel, was wir nicht verstehen, alles Warum – in allem Aufklären, das jetzt dran ist, bleibt ja unendlich viel für uns, für unser Herz unerträgliches. Gott, wir sehnen uns nach dir in unseren Herzen. 

In diesen Stunden also gilt, dass wir auf unser Herz hören. Und auf Gott, der genau da wohnen will. So wie wir mit unserer Vielfalt in seinem Herzen. Im Achten auf den Nächsten. Im Tun, was dran ist. Und im Beten, dass diese Gesellschaft nicht in Angst vergeht. Gott hat uns nicht den Geist der Angst gegeben, sondern den der Liebe und der Kraft und der Besonnenheit. 

Herzlich danke ich für Ihr, für Euer kommen. Wir sind und bleiben zusammen. Achtet auf Euch. Und bleibt beieinander. Amen.
Christian Stäblein ist Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Rabbiner Lior Bar-Ami: „Zerstörung darf niemals das letzte Wort haben“

 Dieser Morgen fühlt sich anders an. Der Regenbogen hängt noch über unseren Straßen. Aber seine Farben tragen heute das Gewicht der vergangenen Nacht.

Gestern wurde ein Ort der Freude zu einem Ort der Angst. Ein Tag, an dem Menschen sichtbar sein wollten, wurde für einige zu einem Tag, den sie nie vergessen werden.

Auch wir kennen solche Tage. Tage, an denen die Welt plötzlich kleiner scheint. An denen man sich fragt, ob Offenheit ihren Preis hat.

Ob Sichtbarkeit gefährlich geworden ist. Doch unsere Geschichte beginnt nicht mit der Angst. Und sie endet auch nicht mit ihr.

Unsere Tradition erzählt von einem Regenbogen, der nach dem Sturm erschien. Nicht weil alles gut war.

Nicht weil die Wunden verschwunden waren. Sondern als Erinnerung, dass Zerstörung niemals das letzte Wort haben darf.

Mögen die Verletzten Heilung finden. Mögen die Trauernden Menschen an ihrer Seite haben, die bleiben. Mögen die Erschütterten wieder Vertrauen in den nächsten Schritt finden.

Und mögen wir selbst nicht zulassen, dass Hass unser Herz enger macht.

Dass Angst darüber entscheidet, wer sichtbar sein darf und wer sich verstecken muss.

 Lasst uns den Regenbogen weitertragen. Nicht als Zeichen einer heilen Welt, sondern als Versprechen aneinander. Dass wir füreinander einstehen.

Dass wir den Mut des anderen mittragen, wenn der eigene nicht mehr reicht.

Dass niemand allein gehen muss. Denn Hoffnung war im Judentum nie die Überzeugung,

dass alles gut wird. Hoffnung ist die Entscheidung, nach jeder Nacht dennoch den nächsten Morgen zu betreten.

 So wie unsere Vorfahren es taten. So wie wir es heute tun. Und so, wie es auch jene nach uns tun sollen.

Mögen wir das Leben wählen.

Nicht irgendwann.

Heute.
Lior Bar-Ami ist ein jüdischer Autor. Als Rabbiner war er unter anderen in Frankreich und Österreich (Gemeinde Or Chadasch in Wien) tätig.

Seyran Ateş: „Wir dürfen uns vom Hass nicht auseinanderbringen lassen.“ 
Selam, Shalom, Grüß Gott
Am Freitag habe ich erst hier gestanden und habe mit euch allen den wunderbaren CSD- Gottesdienst gefeiert. Wir haben interreligiös den CSD gesegnet. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell aus so grausamen Gründen wieder hier stehe.

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

Liebe Geschwister im Glauben, liebe Gäste, liebe Gemeinde,

wir stehen heute hier in tiefer Trauer.

Wir trauern um die Frau, die gestern ihr Leben verloren hat. Wir trauern mit den Verletzten,

ihren Familien und allen, die diesen Tag des Schreckens erleben mussten.

Als Muslimin möchte ich an einen Vers aus dem Koran erinnern, der zu den wichtigsten

ethischen Grundsätzen des Islam gehört:

„Wer einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet. Und wer

einem Menschen das Leben erhält, so ist es, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben

erhalten.“

(Sure 5, Vers 32)

Der Koran sagt nicht: „Wer einen Muslim tötet.“ Er sagt: „Wer einen Menschen tötet.“ Darin liegt eine universelle Botschaft. Gott macht den Wert eines Menschen nicht von seiner Religion, seiner Herkunft oder seiner sexuellen Orientierung abhängig. Jeder Mensch ist Geschöpf Gottes. Jeder Mensch besitzt die gleiche Würde. Und jedes Menschenleben ist heilig.

Diese Botschaft verbindet sich auf wunderbare Weise mit dem ersten Satz unseres

Grundgesetzes:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Für mich stehen der Koran und unser Grundgesetz hier nicht im Widerspruch. Sie erinnern uns

beide daran, dass jeder Mensch einen unveräußerlichen Wert besitzt und dass kein Mensch

wegen seiner Religion, seiner Herkunft, seiner sexuellen Orientierung oder seiner Identität

weniger Würde hat als ein anderer.

Wer im Namen Gottes Hass predigt, wer Menschen verfolgt, weil sie lieben, wen sie lieben,

wer Gewalt gegen queere Menschen ausübt, handelt gegen den Geist dieses Verses. Er

missbraucht den Glauben für eine Ideologie des Hasses.

Der Täter hat sich mutmaßlich auf den Islam berufen. Er handelte mutmaßlich im Namen des

Islam. Genau deshalb dürfen wir das Feld nicht den Extremisten überlassen. Wir müssen den

islamistischen Missbrauch unserer Religion benennen und bekämpfen.

Deshalb tragen insbesondere wir als Musliminnen und Muslime eine besondere

Verantwortung, dem religiösen Extremismus entschieden entgegenzutreten. Wir müssen

zeigen, dass Menschenwürde, Freiheit und Barmherzigkeit stärker sind als jede Ideologie des

Hasses.

Daher will ich an dieser Stelle allen Muslimen und Musliminnen danken, die in diesen Tagen

aber auch sonst Haltung zeigen. So wie es das Motto des diesjährigen CSD war: Haltung ist

hot. Zeigt weiterhin Haltung gegen Hass.

Seit vielen Jahren kämpfe ich für einen Islam, der die Freiheit und die Würde jedes Menschen

achtet. Ich tue das nicht trotz meines Glaubens, sondern aus meinem Glauben heraus. Gerade

deshalb widerspreche ich allen, die den Islam benutzen, um Hass, Gewalt und

Menschenverachtung zu rechtfertigen.

Als Gründerin der Ibn Rushd-Goethe-Moschee sage ich heute mit aller Klarheit:

Wir stehen nicht nur an der Seite der queeren Community. Wir sind Teil dieser Community!

Deshalb ist diese Trauer auch unsere Trauer.

Heute dürfen wir uns vom Hass nicht auseinanderbringen lassen. Gerade jetzt müssen wir

enger zusammenstehen als Menschen unterschiedlicher Religionen, Weltanschauungen und

Lebensweisen. Der Anschlag galt nicht nur einzelnen Menschen. Er galt unserer Freiheit,

unserer Liebe, unserer Demokratie und unserem gemeinsamen Glauben an die Würde jedes

Menschen.

Lasst uns den Opfern ein ehrendes Andenken bewahren, den Verletzten Kraft wünschen und

gemeinsam dafür sorgen, dass Freiheit, Menschenwürde und Liebe stärker bleiben als Hass

und Gewalt.

Ich bete zu Gott, dem Barmherzigen:

Schenke der getöteten Frau Deinen Frieden. Heile die Verletzten. Tröste die Angehörigen.

Stärke alle Einsatzkräfte, die geholfen haben. Gib uns den Mut, der Angst nicht

nachzugeben, dem Hass nicht zu weichen und niemals aufzuhören, für Freiheit,

Menschenwürde und Liebe einzustehen.

Seyran Ateş ist Initiatorin und Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht.

 

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