Barbara Eschen kommentiert "Obdachlosenzählung"

Barbara Eschen kommentiert "Obdachlosenzählung"


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Veröffentlicht am Donnerstag, 5. September 2019, 12:40 Uhr
© kallejipp, photocase.com

Wir als Diakonisches Werk begrüßen die aus unserer Sicht längst überfällige „Obdachlosenzählung“. Ohne genaues Wissen über die Anzahl der betroffenen Menschen und ihrer Lebenslagen kann es kein passgenaues Hilfesystem geben.

Allerdings kann eine Obdachlosenzählung nur ein erster Schritt sein. Denn Menschen, die auf der Straße leben, machen nur einen kleinen Teil der wohnungslosen Menschen aus. Wir schätzen, dass in Berlin wenige tausend Menschen ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, während mindestens 40.000 Menschen in Berlin wohnungslos sind, d.h. ein Dach über dem Kopf haben, weil sie in Wohnheimen oder Hostels untergebracht sind oder bei Freunden, Bekannten und Verwandten vorübergehend unterkommen.

Um daher einen vollständigen Überblick über die Lebenslagen und die Anzahl wohnungsloser Menschen in Berlin zu erhalten, bedarf es zusätzlich einer landesweiten Wohnungsnotfallstatistik, die jährlich erhoben werden muss, damit Veränderungen erkannt und entsprechende Angebote passgenauer gestrickt werden können.

Hierbei müssen anonymisiert mindestens folgende Daten erhoben werden: Geschlecht, Alter, Staatsangehörigkeit, Haushaltsstruktur, Anzahl der Kinder im Haushalt, Unterkunft vor Erstkontakt, derzeitige Unterkunft, Einkommen, Gründe für den Wohnungsverlust, Gesundheitssituation. Darüber hinaus müssen von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen erfasst werden, u. a. über die Räumungsklagen und die durchgeführten Räumungen sowie Anträge bei den Jobcentern auf Miet- und Energieschuldenübernahme.

Ich befürchte, dass auch bei der geplanten „Obdachlosenzählung“ nicht die richtigen bzw. nicht alle erforderlichen Fragen gestellt werden könnten. Wir haben an der Arbeitsgruppe der Strategiekonferenz zur Wohnungsnotfallstatistik mitgearbeitet und empfehlen daher dringend, die Menschen, die wach angetroffen werden, mindestens zu den in der AG vereinbarten Kerndaten zu befragen: Geschlecht, Haushaltsstruktur, Anzahl der Kinder, Alter, Nationalität, Dauer der Wohnungslosigkeit.

Des Weiteren stellen sich mir Fragen, deren Beantwortung massive Auswirkungen auf das Ergebnis haben können. Beispielsweise findet die Zählung im Januar statt, einem Monat, in dem es erfahrungsgemäß sehr kalt ist und in dem viele Menschen in die Notunterkünfte und Kältehilfeeinrichtungen gehen. Werden die dort schlafenden Menschen mitgezählt? Werden Menschen mitgezählt, die den ÖPNV zur Übernachtung benutzen? Ist sichergestellt, dass Menschen mit nichtdeutschen Sprachkenntnissen in ihrer Muttersprache befragt werden können und nicht aufgrund von Verständigungsproblemen nicht miterfasst werden?

Darüber hinaus gebe ich zu bedenken, dass mit einer Stichtagszählung nicht alle auf der Straße lebenden Menschen erreicht werden können, z. B. weil Menschen in Privathäusern oder auf Privatgrundstücken schlafen oder weil sie nur episodisch auf der Straße schlafen. Dies muss in der abschließenden Auswertung mit benannt werden.
Das Diakonische Werk ist dankbar, dass die Sozialsenatorin Elke Breitenbach sich für wohnungslose Menschen einsetzt und die erste „Obdachlosenzählung“ Berlins startet.

Ich danke auch den Diakonischen Trägern der Wohnungsnotfallhilfe, die mit knapp 60 ganzjährigen Beratungs- und Anlaufstellen sowie Notübernachtungen und Wohnheimen einen ganz wesentlichen Beitrag zur Unterstützung wohnungsloser Menschen in Berlin leisten, sowie den diakonischen Trägern und evangelischen Kirchengemeinden, die darüber hinaus weitere Angebote in der Kältehilfe schaffen. (DWBO)