Christian Bliß: „Erzieher ist in erster Linie ein sozialer Beruf“

ChrisBliss 249Interview mit Christian Bliß, Projektleiter MEHR Männer in Kitas

Was ist MEHR Männer in Kitas?
Christan Bliß: Mehr Männer in Kitas ist ein Modellprojekt des Bundesfamilienministeriums. In ganz Deutschland haben 16 Einrichtungen den Zuschlag bekommen, im Rahmen dieses Projektes gefördert zu werden. Der Kita-Verband im Kirchenkreis Stadtmitte ist unter diesen 16 – übrigens als einziger Träger mit Sitz in Berlin.

Welches Ziel verfolgt das Projekt?
Christian Bliß: Wie’s der Name sagt – wir wollen mehr Männer dazu bewegen, in Kitas zu arbeiten. Mit dem Teilprojekt Kitahelden sprechen wir vor allem Schüler an, Jungs, die vielleicht diesem Beruf gegenüber Vorurteile haben.

Was gibt es für Vorurteile gegenüber dem Erzieherberuf und wie wollen Sie die ausräumen?

Christian Bliß: Vorurteile gibt es jede Menge. Das ist doch nichts für Männer, da verdient man nicht genug, das ist doch Kinderkram.
Wir halten entgegen: Erzieher ist kein Frauenberuf, sondern in erster Linie ein sozialer Beruf, der viel Spaß machen kann und anspruchsvoll ist. Kitas sind heute schon lange keine Aufbewahrungsorte mehr, sondern Bildungsorte. Bei unserem Projekt Kitahelden arbeiten Schüler über den Zeitraum von sechs Monaten einmal die Woche für drei Stunden nachmittags in einer unserer Kitas mit – ganz nah am Arbeitsalltag.

Welchen Einfluss hat es auf die Kinder, wenn ihre Erzieher nicht nur Frauen sind?
Christian Bliß: Kitas sollten die reale Lebenswelt abbilden. Dazu gehören selbstverständlich auch Männer. Gerade Jungs brauchen männliche Vorbilder – die können sie in den männlichen Erziehern finden. Je mehr männliche Vorbilder und eine umso größere Vielfalt an männlichen Rollenbildern die Jungs – und auch die Mädchen – in ihrem Kindergartenalltag sehen und erleben, umso besser ist das für sie.

Gibt es denn schon männliche Erzieher in Kitas?
Christian Bliß: Bundesweit sind 97 Prozent der Mitarbeitenden in den Kitas Frauen. Im Kirchenkreis Stadtmitte sind immerhin fast zehn Prozent der Erziehenden Männer, in manchen Kindergärten arbeiten mehrere Männer. Wenn man denkt, dass die alle nur mit den Jungs Fußball spielen oder sich in die Bauecke zurückziehen, dann täuscht man sich. Wir haben auch hier eine große Rollenvielfalt. Da ist der ehemalige Musikwissenschaftler, der jetzt mit den Kindern viel Musik macht. Oder einer der Erzieher malt besonders gerne mit den Kindern. Ein dritter wiederum hat vor einiger Zeit – ganz klassisch männlich – eine Ecke im Kindergarten leergeräumt. Da war dann für eine Woche die Fahrradwerkstatt. Mit Öl und Schrauben und allem was dazugehört. Manche Mädchen schraubten übrigens genauso gerne wie die Jungs.

Was hat Sie dazu bewogen, sich für das Projekt zu bewerben?
Christian Bliß: Ich habe mich schon seit meiner Pubertät damit befasst, was es bedeutet, ein Junge beziehungsweise ein Mann zu sein. Dann war es nur konsequent, dass ich meine Diplomarbeit in Erziehungswissenschaften über männliche Sozialisation geschrieben habe. Später hab ich drei Jahre in der Jungen- und Männerarbeit meine Erfahrungen gemacht, es ging um Themen wie Gewaltprävention und Erlebnispädagogik. Und da habe ich gemerkt, dass man eigentlich viel früher ansetzen muss – nämlich bei den Kindern im Kindergartenalter, im Elementarbereich. Diese Chance kann ich jetzt durch die neue Stelle nutzen.

Was sind die nächsten Pläne des Projektes?
Christian Bliß: Im August gehen wir in die Pilotphase mit den Kitahelden, dem Praktikumsprojekt für Schüler ab Klasse acht. Außerdem erstellen wir für die Kindergärten in Zusammenarbeit mit männlichen und weiblichen Erziehern ein Genderkonzept. Bis Weihnachten soll das Handbuch fertig sein.

Kommt das Projekt zum richtigen Zeitpunkt?
Christian Bliß: Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein. Die Gesellschaft verändert sich gerade enorm. Die traditionellen hegemonialen Männlichkeitsstrukturen weichen auf. Stattdessen kommt was Neues. In der Zukunft werden eher integrative Fähigkeiten und vernetztes Denken gefragt sein. Das Projekt ist ein Baustein in diesem Paradigmenwechsel und kann die Kinder – und ich betone immer wieder: sowohl Mädchen als auch Jungen – ideal darauf vorbereiten.
Interview: Christiane Bertelsmann

www.mann-macht-erziehung.de